Annikas Geschichte - eine Reise zu mir selbst | Teil VI


Atemlos durch die Nacht: Wenn Angst und Stress den Schlaf rauben
Mein Herz rast, ich spüre, wie mein Bauch heiß wird und krampft – ein Gefühl von Panik breitet sich in mir aus. Hitzewellen überfluten meinen Körper. Und dann beginnt der Schweiß runterzulaufen. Nicht ein paar Tropfen, sondern ganze Sturzbäche rinnen an meinem Körper herab. Mein Atem ist schnell, flach und unregelmäßig. Meine Gedanken fahren Karussell und drehen sich immer schneller und schneller. Mein Magen rebelliert und mir ist übel. Innerlich stehe ich gerade auf einem 10-Meter-Sprungturm und klammere mich schweißgebadet an einem der Pfosten fest, weil schon der Gedanke ans Springen mich in Angst versetzt.
Von außen betrachtet ist es hingegen zwei Uhr nachts. Ich liege im Bett und kann aufgrund meiner kreisenden Gedanken nicht schlafen. Je mehr ich versuche, meine Gedanken zu kontrollieren, desto stärker versetzen sie meinen Körper in Alarmbereitschaft. Mein hoher Puls, der erhöhte Blutdruck und die schnelle, flache Atmung signalisieren meinem Nervensystem im Gegenzug, dass hier reale Gefahr besteht, und verstärken meinen Flucht- und Kampfmodus noch. Ein Teufelskreis, in dem mein Nervensystem vollkommen überreizt ist und mir Erholung versagt bleibt.
Ich wusste, dass es nicht leicht werden würde, den Schritt in die Selbstständigkeit zu wagen. Aber dass es so schwer für mich werden würde, damit hätte ich nicht gerechnet. Wenn man sich selbst neu erfindet, trifft man auf Zweifel, auf ureigene Ängste, auf Unsicherheiten. Mein Nervensystem sträubt sich gegen die Veränderung und will zurück zu dem, was es kennt. Alte Prägungen und Glaubenssätze brechen hervor und halten mich nachts wach. Tagsüber funktioniere ich. Nachts kommen die Gedanken, die Schweißausbrüche und die Existenzangst. Ein paar Nächte lang geht das so und danach fühle ich mich immer müder und antriebsloser. Eine Erkältung schwächt mich zusätzlich, mein Kopf ist dick und brummt und ich habe das Gefühl, keine Luft mehr zu bekommen.
Atemnot.
Zurück zu den Wurzeln: Wie mir Summen gegen innere Unruhe hilft

An Tag 5 ziehe ich die Reißleine. Nicht, indem ich vom 10-Meter-Turm springe, sondern indem ich mich auf meine ureigene Kraft zurückbesinne: auf meinen Atem. Ich hole meinen inneren Werkzeugkoffer hervor und beschließe, ihn dieses Mal bei mir selbst anzuwenden. Ich verordne mir selbst, zurück zu den Wurzeln zu gehen, keine komplizierten neuen Atemtechniken, sondern das, was schon seit Menschengedenken angewandt wird: Ich gehe in den Wald, setze mich in den Schatten eines Baumes und beginne zu summen. Dabei bedecke ich meine Augen mit den Händen und drücke mit den Daumen leicht auf meine Ohren.
Zuerst kommt eher ein Brausen und Stöhnen aus meinem Inneren, doch mit der Zeit wird daraus immer mehr ein gleichmäßiger Summton und ich spüre, wie mein ganzer Körper vibriert. Ich weiß: Summen ist weit mehr als ein Geräusch, durch die Vibrationen werden Spannungen gelöst, die Atemwege befreit und über den Vagusnerv mein Ruhe- und Regenerationsmodus aktiviert. Als ich nach einigen Minuten Summen die Hände von den Augen löse und mich umsehe, kann ich plötzlich den Wald wieder klarer sehen. Es fühlt sich an, als hätte sich etwas in meinem Inneren gelöst und die Welt erscheint mir wieder bunter und freundlicher. Ich sehe, wie die Sonnenstrahlen sanft durch das Blätterdach hindurchfallen und rieche den erdigen, würzigen Duft des Waldes. Es ist, als käme ich wieder hier an.
In den nächsten Tagen summe ich noch oft. Immer dann, wenn meine Gedanken mal wieder Karussell zu fahren drohen. Danach fühle ich mich jedes Mal klarer, geerdeter, weiter. Die Gedanken verschwinden nicht und ich liege auch noch manches Mal nachts wach, aber die Angst schwindet nach und nach und ich werde mit jedem Tag ein bisschen ruhiger.
Kohärenzatmung: Mein Atem als Brücke zurück zur Ruhe
Und ich lese viel zu Herzkohärenz: diesem faszinierenden Zusammenspiel von Atem, Herzrhythmus und Nervensystem. Ich gehe zurück zu den Basics und nutze am Abend die Kohärenzatmung: auf 5 einatmen, auf 5 ausatmen. Kein großes Atemerlebnis. Keine komplizierte Technik. Ein ruhiger, gleichmäßiger Rhythmus, erstaunlich unspektakulär, und zugleich eine der kraftvollsten Atemtechniken zur Regulation des Nervensystems. Nicht, um meine Gedanken mit Gewalt abzustellen. Sondern um meinem Körper etwas anderes anzubieten als das Tempo, in dem er sich gerade befindet. Wenn unser Atem langsamer und gleichmäßiger wird, kann auch in unserem Körper und unserem Nervensystem wieder mehr Ruhe und Ordnung entstehen.
Und genau das fasziniert mich immer wieder am Atem: Ich kann meine Gedanken nicht einfach anweisen, still zu sein. Ich kann meinem Herzen nicht sagen, es möge bitte langsamer schlagen. Und meinem Nervensystem kann ich um zwei Uhr nachts schlecht erklären, dass ich gerade sicher in meinem Bett liege und nicht auf einem 10-Meter-Turm um mein Leben kämpfe.

Aber ich kann meinen Atem verändern.
Und über meinen Atem kann ich meinem Körper ein anderes Signal geben. Dabei geht es nicht darum, unangenehme Gefühle einfach weg zu atmen. Auch ein ruhiger Atem lässt Ängste nicht komplett verschwinden. Aber er kann uns helfen, aus der inneren Alarmbereitschaft herauszufinden. Dann kommt die erste Nacht, in der ich endlich wieder durchschlafe und erholt am nächsten Morgen aufwache. Es funktioniert, jubele ich innerlich. Nicht jede Nacht funktioniert es so gut. Aber etwas hat sich verändert. Ich habe wieder das Gefühl, meinem Körper nicht vollkommen ausgeliefert zu sein. Ich habe meine Handlungsfähigkeit zurückerobert.
Unser Atem ist immer da
Und plötzlich wird mir etwas bewusst, das eigentlich so selbstverständlich ist: Der Atem ist immer da. Nicht nur dann, wenn es uns gut geht. Nicht nur auf der Yogamatte, beim Meditieren oder wenn wir uns bewusst Zeit für uns nehmen. Nicht nur, wenn wir eine schöne Atemreise unternehmen und Farben und Licht sehen. Sondern auch mitten in der Nacht.
In der Angst.
In der Unsicherheit.
In all den Momenten, in denen wir das Gefühl haben, dass uns gerade alles zu viel wird.
Gerade dann ist er da.
Er nimmt uns unsere Ängste nicht ab. Er löst unsere Probleme nicht und er kann uns schwierige Entscheidungen nicht ersparen. Aber er kann uns einen Weg zurück in die Ruhe zeigen.
Zurück zum 10-Meter-Turm
Atemarbeit bedeutet für mich nicht, möglichst viele Atemtechniken zu kennen.
Es bedeutet auch nicht, jederzeit entspannt und reguliert durchs Leben zu schweben. Das wäre schön. Und ziemlich unrealistisch. Für mich bedeutet Atemarbeit, einen Weg zurück zu kennen. Auch mein 10-Meter-Turm ist nicht verschwunden. Die Selbstständigkeit macht mir noch immer Angst. Es gibt noch immer Zweifel und Unsicherheiten und Momente, in denen ich mich frage, ob ich das schaffe. Aber ich bin ruhiger geworden. Ausgeglichener. Handlungsfähiger.

Und ich stehe nicht mehr schweißgebadet oben auf diesem Turm und glaube, ich müsste mit einem einzigen großen Sprung unten ankommen. Ich habe meinen 10-Meter-Sprung inzwischen in viele kleine Sprünge vom Einser zerlegt. An manchen Tagen springe ich mit Freude und ohne lange nachzudenken. An anderen Tagen stehe ich eine Weile dort oben, schaue hinunter und brauche etwas Mut. Und manchmal klettere ich auch wieder von der Leiter herunter, schwimme lieber noch eine Runde und versuche es an einem anderen Tag.
Aber ich mache weiter.
Sprung für Sprung. Atemzug für Atemzug.
Wichtiger Hinweis: Anhaltende oder starke Atemnot, Brustschmerzen oder andere ungewohnte körperliche Beschwerden sollten medizinisch abgeklärt werden. Atemübungen können unterstützen, ersetzen aber keine ärztliche Untersuchung oder Behandlung.

Wir starten jetzt wöchentlich gemeinsam in den Tag.
Es war nie einfacher, gut in den Tag zu kommen. Erst einmal bei Dir anzukommen und die eigene Kraft zu spüren, bevor das Handy Deine Aufmerksamkeit bekommt, Deine To-Do Listen rufen und der Tag schon wieder alles von Dir will? Wir treffen uns jeden Mittwochmorgen, um 7 Uhr für 20 Minuten. Du kannst zu jeder Zeit einsteigen – kostenfrei und ohne Vorkenntnisse.

Autorin: Annika Köster
BreathQ® Basic Instructor Marketing- und Kommunikationsexpertin
Diplom-Kulturwirtin (Univ.)
Wohin wird Dein Atem Dich führen?
Unter diesem Motto nimmt Annika Dich in den kommenden Monaten mit auf ihre persönliche Reise durch die BreathQ® Ausbildung zur Atemtrainerin.
Ihr Anliegen: Atemarbeit für Menschen erlebbar machen – und dort, wo Worte oft nicht ausreichen, mit Bildern und Geschichten die Tiefe und Kraft des Atems spürbar werden lassen.
Wir freuen uns über Deine Kommentare, Fragen und Dein Feedback.



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