Interozeption: Dein Körper spricht mit Dir – hörst Du zu?
- Silke Hartmann

- vor 6 Tagen
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Aktualisiert: vor 6 Tagen

Interozeption hilft uns, die leisen Signale unseres Körpers früher und differenzierter wahrzunehmen. Eine trainierbare Fähigkeit für mehr Selbstwahrnehmung, Stressregulation und Resilienz – und für uns als Atemcoaches und Ausbilder eine der gesundheitlichen Zukunftskompetenzen.
Dein Körper kommuniziert mit Dir. Ständig.
Über Deinen Atem und Herzschlag. Über Spannung im Kiefer, Druck im Brustraum, Unruhe im Bauch. Über Müdigkeit, Hunger oder dieses schwer zu beschreibende Gefühl: Irgendetwas stimmt gerade nicht. Manche Signale sind laut, aber die meisten beginnen ziemlich leise. Die Frage ist: Wie gut hören wir sie?
Wir messen Schritte, Schlaf, Herzfrequenz und Stresslevel und können die KI nach Antworten auf fast alles fragen. Dabei tragen wir unsere wichtigsten Informationsquellen in uns: die Signale unseres Körpers. Die Fähigkeit, diese inneren Signale wahrzunehmen, hat einen Namen: Interozeption. Und die lässt sich trainieren.
Ich hatte die Sprache meines Körpers verlernt
Für mich ist dies kein rein fachliches Thema aus unserer Arbeit bei BreathQ®. Es ist sehr persönlich. Als ich 2020 nach meiner Krebsdiagnose und der langen Therapie den Kontakt zu meinem Körper verlor, hatte ich zeitweise das Gefühl, er hätte mich im Stich gelassen. Ich war enttäuscht von ihm. Es fühlte sich an, als würde er gegen mich arbeiten. Nach der Operation kamen weitere Probleme hinzu. Aufgrund der daraus entstandenen und zunächst falsch behandelten Bandscheibenvorfälle war ich irgendwann sogar sichtbar in Schieflage geraten.
Körperlich in Schieflage – und irgendwie auch innerlich.

Heute sehe ich diese Zeit anders. Und auch die Jahre davor. Mein Körper hatte mir bereits über längere Zeit etwas „ins Ohr geflüstert“. Asthma, Neurodermitis, Colitis ulcerosa und andere gesundheitliche Beschwerden waren über Jahre Teil meines Lebens.
Natürlich brauchten diese Erkrankungen medizinische Behandlung. Ich bin überzeugt, ich hätte meine chronischen Immunerkrankungen verhindern können, wenn ich einfach besser auf meinen Körper gehört hätte. Aber ich habe zu sehr im Außen nach Antworten gesucht. Behandelt, funktioniert, weitergemacht. Mein Körper und Leistungsbereitschaft waren dazu in jüngeren Jahren wahnsinnig gut trainiert. Die Frage, was in meinem Inneren passiert, was ich wirklich brauche und an welcher Stelle ich regelmäßig über meine Grenzen gehe, habe ich viel zu selten gestellt. Heute weiß ich, mein Körper hatte längst geflüstert und immer lauter werdend meine Aufmerksamkeit eingefordert:
Kümmere Dich um mich...
Aber ich konnte diese Sprache damals nicht gut lesen. Nach meiner Erkrankung musste ich sie neu lernen. Der Atem wurde dabei zu einer Brücke zurück in meinen Körper. Und ich wurde zur Atemexpertin.
Interozeption: unser Sinn nach innen
Wir sehen, hören, riechen, schmecken und tasten. Gleichzeitig verarbeitet unser Nervensystem fortlaufend Informationen aus einer anderen Welt: der Welt in uns.
Wie schlägt mein Herz? Wie atme ich? Bin ich hungrig oder satt? Ist mir warm oder kalt? Wo spüre ich Spannung, Druck oder Bewegung?
Diese Wahrnehmung innerer Körpersignale nennen wir Interozeption.
In der Literatur wird Interozeption auch als eigenes Sinnessystem beschrieben – im BreathQ® Kompaktwissen sprechen wir vom „achten Sinnessystem“.
Dabei geht es nicht einfach darum, möglichst viel zu spüren, sondern diese Signale zu differenzieren, im jeweiligen Kontext einzuordnen und einzuschätzen, wie sicher wir uns mit unserer eigenen Wahrnehmung und Interpretation eigentlich sind.
Interozeption ist kein passiver Prozess, sondern eine trainierbare Fähigkeit, die sich durch Erfahrung, Aufmerksamkeit und Sprache entwickelt.

GOOD TO KNOW
Ein schneller Herzschlag ist zunächst ein Körpersignal. Erst unser Gehirn verbindet es mit Situationen, Erfahrungen, Gedanken und Emotionen. So kann derselbe schnelle Herzschlag Anstrengung, Vorfreude oder Angst bedeuten.
Der Körper sendet Signale. Unser Gehirn versucht, sie im jeweiligen Kontext einzuordnen und ihnen Bedeutung zu geben.
Hörst Du das Flüstern, bevor Dein Körper laut wird?
Stress beginnt selten erst in dem Moment, in dem gar nichts mehr geht.
Vielleicht ist der Kiefer schon lange angespannt. Der Atem wird flacher. Wir schlafen schlechter, werden dünnhäutiger oder kommen innerlich kaum noch zur Ruhe.
Eine geschulte Interozeption ist keine Garantie dafür, gesund zu bleiben und ersetzt keine Vorsorge, Diagnostik oder Therapie. Aber sie kann uns helfen, Belastungen, Veränderungen, Bedürfnisse und Grenzen früher wahrzunehmen. Und wenn ich etwas früher bemerke, kann ich früher und bewusster darauf reagieren.
Vielleicht brauche ich Schlaf, Bewegung, eine Pause, ein Gespräch oder eine Grenze.
Deshalb verstehen wir Interozeption als wichtige Fähigkeit für Eigenwahrnehmung, Stressregulation und Resilienz – oder, wie wir es bei BreathQ® passender bezeichnen: Körperintelligenz.
Die Fähigkeit, die Sprache des eigenen Körpers besser zu lesen und bewusster mit seinen Signalen umzugehen. Denn wie wir Körpersignale wahrnehmen und auf sie reagieren, kann unsere Entscheidungen, Beziehungen und Lebensgestaltung mitprägen.
Was spürst Du – bevor Du es erklärst?

Probier es aus:
Wenn es für Dich angenehm ist, schließe für einen Moment die Augen.
Frage Dich nicht: „Wie geht es mir?“
Sondern: „Was spüre ich gerade konkret in meinem Körper?“
Deinen Atem? Druck oder Weite im Brustraum? Spannung im Kiefer? Wärme, Kälte oder Kribbeln? Deinen Herzschlag? Den Kontakt zum Boden?
Vielleicht bemerkst Du zunächst erstaunlich wenig. Auch das ist okay.
Entscheidend ist: Noch nichts erklären. Nichts verändern. Nur wahrnehmen.
Mehr fühlen ist nicht immer besser. Besser fühlen schon.
Interozeption bedeutet nicht: Je mehr ich spüre, desto besser.
Manche Menschen nehmen körperliche Empfindungen sehr intensiv wahr und erleben sie gleichzeitig als bedrohlich oder überwältigend, gerade bei Angst, Panik oder traumatischen Erfahrungen. Eine sehr intensive Körperwahrnehmung ist also nicht automatisch gleichbedeutend mit guter Interozeption. Es geht also nicht darum, mehr zu fühlen, sondern differenzierter wahrzunehmen.
Denn entscheidend ist nicht die Quantität oder Intensität unserer Körperwahrnehmung, sondern wie gut wir das Wahrgenommene unterscheiden, einordnen und integrieren können.
Aus: „Ich bin total gestresst.“ kann werden: „Mein Kiefer ist fest. Mein Atem ist schneller. Im Bauch spüre ich Unruhe.“ Plötzlich beschreibe ich zunächst, was tatsächlich da ist, bevor ich es interpretiere. Und genau dort entsteht ein kleiner Raum.
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Vor einigen Wochen hat eine Klientin nach einem 8-wöchigen Atemcoaching den Unterschied perfekt auf den Punkt gebracht „Der absolute Game Changer für mich war die Erkenntnis: Ich bin nicht meine Emotion.“
Ich finde diesen Satz stark. Da ist zum Beispiel Enge in der Brust.
Dann beginnt die Einordnung: "Ich habe Angst."
Vielleicht könnte dieselbe Enge in einem anderen Kontext aber auch Aufregung oder Vorfreude bedeuten. Und aus unserer Einordnung entsteht vielleicht die Geschichte: "Ich schaffe das (noch) nicht."
Interozeption bedeutet nicht, Interpretation zu vermeiden. Sondern wahrzunehmen, wo das Körpersignal endet und unsere Einordnung beginnt.
Wenn wir lernen, diesen Prozess wahrzunehmen, entsteht zwischen Signal und Reaktion Handlungsspielraum: und die Möglichkeit einer Wahl!
Bei BreathQ® arbeiten wir deshalb gerne mit vier Schritten:
WAHRNEHMEN → BESCHREIBEN → EINORDNEN → WÄHLEN
Je früher Du wahrnimmst, desto früher kannst Du wählen.
Aber vielleicht musst Du gerade gar nichts tun
Wir sind Meister im Optimieren geworden.
Gestresst? Regulieren.
Müde? Aktivieren.
Unruhig? Ruhiger atmen.
Auch Breathwork kann schnell zum praktischen Werkzeug werden, mit dem wir einen Zustand möglichst schnell „wegatmen“. Aber was wäre, wenn Du für einen Moment gar nichts veränderst? Nicht tiefer atmen. Nicht analysieren. Nicht optimieren. Sondern einfach feststellst:
Ah – so fühlt sich das gerade in mir an.
Nicht jede Empfindung ist ein Problem, das gelöst werden muss. Und nicht jede Emotion muss sofort reguliert werden.
Genau darin liegt ein wichtiger Grundgedanke interozeptiver Check-Ins: feiner wahrnehmen statt intensiver spüren, Empfindungen zunächst benennen statt bewerten – und Sicherheit vor Kontrolle stellen.
Warum ausgerechnet der Atem?
Weil er eine Besonderheit hat: Wir atmen automatisch – und gleichzeitig können wir unseren Atem bewusst wahrnehmen und beeinflussen.
Diese Verbindung aus automatischem Prozess und willentlicher Beeinflussbarkeit gibt der Atmung innerhalb der Interozeption eine besondere Stellung. In der Forschung wird dafür auch der Begriff respiratorische Interozeption bzw. „Respirozeption“ verwendet.
Unser Atem reagiert auf Bewegung und Ruhe, Belastung und Entspannung, Gedanken und Emotionen. Und er ist immer da – perfekt, um mit Interozeption zu beginnen:
Wie fühlt sich mein Atem gerade jetzt an? Wo spüre ich ihn? Strömt er ruhig oder schnell? Frei oder gibt es Widerstand?
Und wieder gilt: Du musst zunächst nichts daran ändern.
Auf meiner eigenen Heilungsreise war das genau für mich die Brücke. Der Atem hat meinen Körper nicht „repariert“.
Er hat mir geholfen, wieder Kontakt aufzunehmen.
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Genug gelesen – jetzt wird gespürt
Der Check-In gehört fest zu unserer Praxis bei BreathQ® – in Coachings, Retreats und in unserer Atemtrainerausbildung. Er beginnt nicht mit einer Atemtechnik. Er beginnt mit Dir.

Probiere es gleich selbst aus – und folge dieser wundervollen Anleitung von Sonni:
Eine Zukunftskompetenz, die Dir keine Technologie abnehmen kann.
Viele - wie auch wir bei BreathQ® - messen Herzfrequenz, Schlaf, HRV und Stress. KI kann Daten auswerten, Muster erkennen und Zusammenhänge erklären. Aber sie kann nicht für Dich spüren. Diese Innenperspektive gehört Dir.
Vielleicht wird die Fähigkeit, uns selbst von innen wahrzunehmen und auf unsere menschliche Körperintelligenz zu hören, deshalb umso wichtiger, je digitaler unser Leben wird.
Vielleicht fragst Du Dich jetzt: "Und was bringt mir das im Alltag?"
Du bemerkst im Meeting, wie Dein Atem flacher wird, bevor der Stress Dich übernimmt.
Beim Sport lernst Du, Anstrengung und Erschöpfung besser zu unterscheiden. In einem Gespräch bemerkst Du Deine körperliche Aktivierung, bevor daraus eine automatische Reaktion wird. Oder Du stellst am Abend fest:
Ich bin nicht einfach „schlecht drauf“ – ich bin erschöpft.
Nur das, was wir wahrnehmen, können wir auch verändern!
Die Sprache Deines Körpers und Nervensystems lernst Du ein Leben lang
Der Check-In gehört heute zu unseren festen Routinen. Auch in unserer Academy gibt es keinen Call, den wir nicht mit einem Check-In beginnen.
Und trotzdem bin auch ich nicht jeden Tag perfekt mit meinem Körper verbunden.
Ganz und gar nicht. Es gibt Tage, an denen ich Signale früh bemerke. Und andere, an denen ich mich dabei erwische, längst wieder zu funktionieren statt zuzuhören. Vielleicht gehört genau das dazu: Verbindung ist für mich kein Zustand, den man irgendwann erreicht und dann besitzt.
Sie ist eher eine Beziehung – mit "Ups and Downs". Und Beziehungen brauchen Aufmerksamkeit.
Mein Verhältnis zu meinem Körper ist heute ein anderes als 2020. Der Atem hat daran einen großen Anteil. Er erinnert mich immer wieder daran, diese eine Frage zu stellen:
Was spüre ich gerade?
Genau hier fängt Körperintelligenz und Selbstregulation an: Beim Wahrnehmen. Beim Zuhören. Und darin, das Flüstern des eigenen Körpers wieder ernst zu nehmen – bevor er laut werden muss.
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Key Takeways:
Interozeption bedeutet, die Signale aus dem Inneren unseres Körpers wahrzunehmen – bevor wir sie vorschnell bewerten oder ihnen eine Bedeutung geben.
Körpersignal und Interpretation sind nicht dasselbe. Enge ist zunächst Enge. Ein schneller Herzschlag zunächst ein schneller Herzschlag.
Früher wahrnehmen schafft Handlungsspielraum: Je eher wir körperliche Veränderungen bemerken, desto bewusster können wir darauf reagieren.
Mehr spüren ist nicht automatisch besser: Entscheidend ist, Körpersignale differenzierter wahrnehmen und einordnen zu lernen.
Sprache hilft uns, Wahrnehmung zu differenzieren: Aus einem allgemeinen „Mir geht es schlecht“ können konkretere Empfindungen und Emotionen werden.
Und der wichtigste erste Schritt ist erstaunlich einfach: nichts verändern - nur wahrnehmen, was da ist.
Gute Atemarbeit beginnt für uns nicht damit, möglichst viele Techniken zu kennen.
Sie beginnt damit, wahrzunehmen, zu verstehen – und dann bewusst zu wählen.
Autorin: Silke Hartmann, BreathQ® Gründungspartnerin, Atemcoach und Ausbilderin https://www.breathq.academy/silke

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